Neulich hatte ich Gelegenheit, mit Hebammen über das Thema „Essstörungen in der Schwangerschaft“ zu diskutieren und an ihren Erfahrungen mit der Begleitung Schwangerer teilzuhaben. Während viele schwangere Frauen ihren wachsenden Babybauch mit Stolz betrachten, ist dieser für Frauen mit einer Essstörung eine große Herausforderung. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, gut für ihr Baby zu sorgen und der Sorge, „es wieder nicht zu schaffen“, ist es ihnen oft unmöglich, körperliche Veränderungen wie Gewichtszunahme während der Schwangerschaft gelassen wahrzunehmen und die Schwangerschaft zu genießen.
Essstörungen in der Schwangerschaft sind ein relevantes und sensibles Thema, das häufig unterschätzt wird!

Bild: Pixabay / Philip Walker (widephish)
Ausgewählte Aspekte:
- Essstörungen (ES) sind vielfältig. Es gibt unterschiedliche, auch untypische Ausprägungen. Allen gemeinsam ist eine krankhafte Beschäftigung mit der Ernährung und ein auffälliges Essverhalten.
- Seit Beginn der Corona-Pandemie haben ES, vor allem Anorexia nervosa (Magersucht), weltweit zugenommen.
- Laut Review und Metaanalyse internationaler Studien (2025) zeigen rund 4 bis 7,5% der Schwangeren und ca. 13% der Mütter im ersten Jahr nach der Geburt Symptome einer Essstörung.
- Es ist ein Mythos, dass z.B. anorektische Frauen „ja sowieso nicht schwanger werden“. Zwar wirken sich Zyklusstörungen und eine erhöhte Fehlgeburtsrate negativ auf die Fruchtbarkeit aus. Zugleich kommt es bei Frauen mit Anorexia nervosa häufiger zu ungeplanter Schwangerschaft.
- Eine ES in der Schwangerschaft kann sich sehr ungünstig auf die Gesundheit von Mutter und Kind auswirken und zu ernsten Komplikationen führen.
- Betroffene leiden häufiger an Depressionen als nichtbetroffene Schwangere. Auch eine Unzufriedenheit mit dem eigenen schwangeren Körper und ein empfundener Kontrollverlust spielen eine große Rolle. Routinemäßiges Wiegen bei Untersuchungen wird als stressig, demütigend oder sogar traumatisch erlebt.
- Ärzte/Ärztinnen, Hebammen und Angehörige sollten auf wichtige Warnzeichen achten und sehr sensibel mit den Betroffenen kommunizieren. Sie brauchen Unterstützung und Entlastung, keine Verurteilung.
- Langzeitstudien zeigen, dass Symptome von ES oft über die Schwangerschaft und das Wochenbett hinaus bestehen bleiben.
- Vorsicht bei auffälligem Fokus auf „bounce back after baby“ bzw. „get your pre-baby body back“. Problematisch ist, dass junge Mütter oft unter dem Druck stehen, so schnell wie möglich wieder die vorherige Figur zu erreichen und zu funktionieren.
- Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vermuten, dass subklinische und gesellschaftlich normalisierte Formen gestörten Essverhaltens deutlich häufiger sind als klassische diagnostizierte ES. Dazu gehört eine übertriebene Beschäftigung mit vermeintlich gesunder Ernährung.
- Sorgfältige Anamnese, sensible Gesprächsführung, interdisziplinäre Perspektiven und Kooperationen mit anderen Berufsgruppen sind wesentlich bei der Begleitung Schwangerer mit einer (vermuteten) Essstörung.
- Hebammen und Entbindungspfleger können für betroffene Frauen wichtige Ansprechpersonen sein, die zuhören, beobachten, begleiten, vermitteln und ggf. intervenieren, bevor andere Hilfsangebote greifen.
Quellen: Literatur





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